NORTHEIM 2

Reddersenhaus

Reddersenhaus

An der gegenüberliegenden Wand hängt eine Tafelmalerei nicht präzise zu bestimmender Zeitstellung, welche eine Vision des Mönchsvaters Benedikt und zweier Gefährten der Dreifaltigkeit samt Gottesmutter zeigt. Den Ort der abgegangenen Klosterkirche markiert bis zum heutigen Tage der Münsterplatz als „Leer-Steile” im Stadtbild. Behauener Stein war begehrtes Baumaterial, das für die Stadtbewohner bequem aus der verlassenen Kirche zu gewinnen war. Kirchenruine samt umliegendem Kirchhof wurden bis weit in das 18. Jh. hinein als innerstädtischer Begräbnisort genutzt, ehe auf dem westlichen Wallabschnitt der heute erst so genannte Alte Friedhof angelegt wurde. Ein in der heutigen Außenmauer, ehemals die nördliche Chorinnenwand der Kirche, vermauerter Grabstein zeugt noch davon. War das Kloster als geistliche Einrichtung auch untergegangen, lebte es doch im Klostergut als landwirtschaftlichem Betrieb bis 1971 in der Stadt fort. Damals erst entschied man sich für die moderne Überbauung des Areals mit heute teils als unmaßstäblich empfundenen Block- und Großbauten. Nach Verlassen des Bürgersaals sich zunächst links haltend, ergibt sich ein Blick auf die aus der Mauerflucht zurückspringende sog. „Alte Lateinschule”. Sie besteht aus zwei deutlich voneinander geschiedenen Bauteilen, einem steinernen Sockelgeschoss und zwei aufgesetzten Fachwerkobergeschossen. Die auf den Saumschwellen angebrachten Inschriften äußern ein Marienlob sowie die Anrufung der Heiligen Dreifaltigkeit. Im steinernen Unterbau lassen sich vermauerte Rundbogenöffnungen ausmachen – in ihm erkannt man die Reste der romanischen Kapelle des einstigen Grafenhofes. Den westlichen Abschluss des Münsterplatzes bildet das imposante, freistehende Hospital St. Spiritus. Das vom Grundriss her größte Fachwerkgebäude der Stadt war bis zur Übernahme in städtische Verfügungsgewalt anfangs des 16. Jh. klösterliche Herberge und Unterkunft durchreisender Pilger. Der mit mächtigem Krüppelwalmdach versehene Bau trägt am südöstlichen Eckständer zwei Datierungsinschriften. Im Jahr 1500 – einem „Jubeljahr”- wurde in Erwartung großer Pilgerströme ein Erweiterungsbau vorgenommen. 1978 fand hier das Heimatmuseum sein Domizil: den buchstäblich größten Schatz in seinem Bestand bildet der Höckelheimer Münz-fund von 1991, effektvoll präsentiert im Gewölbekeller. Wenige Schritte entfernt erblickt man am Medenheimer Platz den westlichen Abschnitt des die Stadt einst auf ca. 1750 m Länge umziehenden Mauerrings. Wohlerhalten zeigt sich der Abtsturm mit (erneuerter) Bohlenlage und dem „Tillyloch”. Derartige nach innen offene Schalentürme waren in regelmäßigem Abstand stadtseitig an die Mauer gebaut. Sie dienten dem Aufstellen der städtischen Geschütze. Genannte Öffnung ist eher als Schießscharte denn als ein während der Belagerung im Dreißigjährigen Krieg 1627 ent-standenes Einschussloch zu verstehen. Von der ursprünglichen Mauerlänge sind immerhin rund zwei Drittel gut erkennbar noch heute im Stadtbild vorhanden. Endgültig aufgebrochen wurde die baulich wie rechtlich zu verstehende Stadtbegrenzung des Hochmittelalters („Zinne und Mauer unterscheiden den Bürger vom Bauer“) erst in der zweiten Hälfte des 19. Jh. Die neuzeitliche Schlupfpforte neben dem Abtsturm öffnet sich auf den 1788 angelegten Friedhof mit historischen Grabmonumenten und einem imposanten klassizistischen Mausoleum. Das Geländeprofil nach Norden zeigt deutlich den einstigen parallel zur Mauer verlaufenden Stadtgraben samt anschließendem Wall und äußerem Graben. Die beiden Letzteren mussten im Zuge der Demantelierung der Stadt im Dreißigjährigen Krieg eingeebnet werden. Über die Bahnhofstraße gelangt man in die Altstadt zurück. Das einst diese Ausfallstraße sichernde Höckelheimeroder Sollingtor hat nur spärliche Reste hinterlassen, nachdem es nach Mitte des 18. Jh. zunächst erweitert, im 19. Jh. jedoch gänzlich abgetragen wurde. Dasselbe Schicksal ereilte auch die beiden anderen in die Stadtmauer integrierten Toranlagen, die bis auf einen einzigen Bauzeugen am Oberen Tor völlig verschwunden sind. Der Straßenzug Am Münster, seit 1988 in die Fußgängerzone einbezogen, geht im weiteren Verlauf nahtlos in die bereits im Mittelalter so genannte Breite Straße über. Gesäumt von wohlerhaltenen Fachwerkhäusern aller Epochen und Stilrichtungen, als bürgerliche Wohnbauten sämtlich traufenständig an die Straßenfront der langgezogenen Grundstücke gestellt, bietet sie dem ortsfremden Besucher buchstäblich Orientierungshilfe – sie zieht sich in beinahe striktem West- Ost-Verlauf bis hinauf zum ehemaligen Oberen Tor. Besonders hervorzuheben aus dem reichhaltigen Northeimer Fachwerkbestand ist das sog. Reddersenhaus. Anhand von Analysen des Baumaterials auf das Jahr 1420 datiert, gehört es zu den ältesten Bauwerken am Ort. Als typisches Ackerbürgerhaus konzipiert, ist die gebäudequerende Durchfahrtsdiele zum Hinterhofbereich am Spitzbogenportal deutlich auszumachen. Stall-, Scheunen-, Werkstatt- und andere Nutzbauten lagen im hinteren Hofbereich, Pumpbrunnen und „Herzhäuschen” nicht zu vergessen! Alle mit Braugerechtsame versehenen Bürgerhäuser verfügten ebenfalls über die ebenerdige Dielenhalle, denn hier wurde bis weit in die Neuzeit hinein nach Losverfahren der Reihebrau durchgeführt. Das Zwischengeschoss des Reddersenhauses zeigt als Dependance des gegenüberliegenden Museums eine Bürgerwohnung mit Mobiliar und Ausstattung des ausgehenden 19. Jh. Das über der prominenten Vorkragung liegende Obergeschoss und der Spitzboden unter dem Dach dienten nicht Wohnzwecken, sondern als Lager- und Speicherraum. Die ehemaligen Wirtschaftsgebäude im hinteren Hof bereich sind heute als Wohnungen ausgebaut; ein Atelier samt Wohnung wird von der örtlichen Kreissparkasse per Stipendium Künstlern zur Verfügung gestellt. Ein schönes Beispiel renaissancezeitlicher Schnitzzier bietet der mit Fächerrosetten und anderen Ornamenten geschmückte Ratskeller (Am Münster 15). Als Stockwerksbau abgezimmert, ist er vergleichsweise jüngeren Datums als das unweit östliche gelegene Gebäude Breite Straße 22, ein großer gotischer Ständerbau. Dessen zurückgesetzte Ladenfront lässt den Eindruck einer offenen Verkaufshalle entstehen, wie es sie zur Blütezeit der der Hanse zugehörenden, mit Markt-, Münz-, und Zollrecht privilegierten Stadt gegeben haben mag. Bevor der durch einen weißen Pflasterstreifen markierte 10. Grad östlicher Länge überschritten wird, passiert man das zur Linken gelegene gründerzeitliche Reichspostgebäude von 1894. Baumaterial hier wie auch beim angrenzenden Wohnhaus Breite Straße 67 und dem gegenüberliegenden Hotel „Deutsches Haus” ist industriell gefertigter Backstein. Architekturhistorisch zeigt sich hier ein schönes Ensemble in den eklektischen Stilformen des Historismus. Kurz bevor der sich nach Norden öffnende Raum des heutigen Marktplatzes erreicht ist, lässt sich ein Blick in die rechts aufwärts führende Wassergasse, Northeims „Strulle”, werfen. Der Name verrät andeutungsweise die frühere Funktion dieses Weges, der eben nicht allein dem Fußgängerverkehr zu den südlichen Parallelstraßen Vorbehalten war, sondern allwöchentlich eine Reinigung der mit Unrat, Mist und Dreck aller Art verunzierten Straßen ermöglichte. Ein schleusenartig zu öffnender Schieber in der am oberen Ende sich erhebenden Stadtmauer ermöglichte die Entleerung der dahinter liegenden Stadtteiche. Über offene Gossenzüge verteilte sich der Wasserstrom in der Stadt, den hineingekehrten Müll nach dem Gesetz der Schwerkraft talwärts schwemmend. Der Hauptsammler, vor rund 100 Jahren liebevoll euphemistisch als der „blaue Nil” bekannt, führte am tiefsten Punkt unter der Stadtmauer hindurch, bis er schließlich die nordwärts vorüberfließende Rhume erreichte. Wenig später gelangt man zum Marktplatz. Eine zwischen zwei Mauerzügen in das Pflaster eingelassene Tafel informiert darüber, dass auch dieser innerstädtische Freiraum ein sekundäres Platzgebilde darstellt. Die im Mai 1832 übrig gebliebene Brandruine des Rathauses – eine Abbildung findet sich auf genannter Tafel – wurde vollends geschleift.

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